DPG-Frühjahrstagung 2019 / Technische Universität München
FV Theoretische und Mathematische Grundlagen der Physik (FV MP) 13.5 Do 21.03.2019 17:30 Hörsaal 23


Neurophilosophie und Physik


Meine Relativitätstheorie:
Alle Erkenntnis ist und gilt relativ zu dem Erkenntnismittel.

Abstract

"Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht" schrieb Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799). Das gilt natürlich auch für die Physik. Man muss als theoretischer Physiker auch einiges von Philosophie verstehen. Darum gibt es in der DPG die Arbeitsgruppe Philosophie der Physik. Aber wer nur Philosophie versteht, versteht auch die nicht recht. Man sollte auch wissen, wie das Gehirn funktioniert. Erst die Verbindung von Ergebnissen der Hirnforschung mit philosophischen Fragestellungen, die Neurophilosophie, schafft Einsicht in die Bedeutung der verwendeten Begriffe. Es gilt z.B. zu fragen, wodurch wir von Zeit und Bewegung wissen. Beides sind Impressionen, die uns durch das Gedächtnis geschenkt werden und nur dort existieren! Erst die Verbindung von nacheinander im Hirn eintreffenden Sinneseindrücken erzeugt alle Erlebnisse zeitlicher Art. Ohne die Leistungen des Gedächtnisses wüssten wir aber nicht nur nichts vom zeitlichen Geschehen in der Welt, sondern gäbe es auch keine Sprache und keine Melodien, was unser Menschsein ausmacht, sondern nur unverbundene sinnlose Einzeleindrücke, die sofort wieder verschwinden. Wer sein Gedächtnis verliert, verliert auch alles spezifisch Menschliche, weshalb die Leistung des Gedächtnisses und damit die Rolle des Beobachters nicht überschätzt werden kann.


Referat

Themenübersicht  (gebeamt)
Begrüßung
Was ist Neurophilosophie?
Wie das Gehirn funktioniert
Die Gegenposition
Physik und Ketzerei
Lassen Sie sich vom Hirn nicht täuschen
Wie kann es weitergehen?

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, verehrte Anwesende,
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) schrieb: "Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht". Das gilt natürlich auch für die Physik. Man muss beim Theoretisieren auch einiges von Philosophie verstehen. Darum gibt es in der DPG die Arbeitsgruppe Philosophie der Physik, der ich angehöre. Aber man muss darüber hinaus auch gleichsinnig sagen: wer nur Philosophie versteht, versteht auch die nicht recht. Man sollte auch wissen, wie das Gehirn funktioniert, das unser Wissen ordnet und speichert. Erst die Verbindung von Ergebnissen der Hirnforschung mit philosophischen Fragestellungen, die Neurophilosophie, schafft Einsicht in die wahre Bedeutung der verwendeten Begriffe. Es gilt z.B. zu fragen, wodurch wir von Zeit und Bewegung wissen, zwei Begriffe mit denen Physiker oft und gern argumentieren. Beides sind Impressionen, die uns durch das Gedächtnis geschenkt werden und nur dort existieren! Erst die Verbindung und Vergleichung durch das Gedächtnis der nacheinander im Hirn eintreffenden Sinneseindrücke erzeugt alle Erlebnisse zeitlicher Art. Ohne die Leistungen des vergleichenden Gedächtnisses gäbe es aber nicht nur kein Zeiterleben, sondern gäbe es auch keine Sprache und keine Melodien, sondern nur unverbundene sinnlose Einzellaute und -Bilder, die sofort wieder verschwinden. Wir alle wissen, wer sein Gedächtnis verliert, verliert auch alles spezifisch Menschliche, weshalb die Leistungen des Gedächtnisses und damit die Rolle des Beobachters nicht überschätzt werden kann.

Wie das Gehirn funktioniert
Zur Neurophilosophie gehört, zuerst nach der Bedeutung der zwei Hirnhälften zu fragen. Was so lange in der Geschichte der Evolution sich ausgebildet und Bestand hat, kann nichts Zufälliges sein. Bereits die einfache Tatsache, dass Menschen, wie andere höher entwickelte Lebewesen auch, zwei durch das Corpus Colossum verbundene Hirnhälften mit unterschiedlichen Funktionen haben, gibt den entscheidenden Hinweis, wie das Gehirn funktioniert. Die rechte Hirnhälfte ist vor allem der Sitz des durch Erfahrung und Belehrung gewonnen Wissens, wie ich sage: aus Platzgründen zur Quersumme verrechnet. Sie ist Sitz des Unbewussten, das sich durch undifferenzierte Gefühle zeigt. Nach den Erkenntnissen der Hirnforscher ist die linke Gehirnhemisphäre dagegen Sitz der analytischen Fähigkeiten. Sie hat es mit Bewusstsein, Denken und Sprechen zu tun. Sie ist bemüht, das links explizit auszudrücken, was rechts implizit gewusst wird. Denken ist so der Dialog zwischen den beiden Hirnhemisphären, wobei Bilder und Begriffe miteinander verknüpft werden. Wenn wir als Ergebnis des Denkens den Eindruck haben, dass verbaler Ausdruck - das explizit Gesagte oder Geschriebene - und das implizite Gewusste im Gleichgewicht sind, sind wir geneigt, es für "wahr" zu halten. Das ist zwangsläufig so, sind lebende Systeme doch unvermeidlich auch kognitiv autonom, also selbstreferentiell, weshalb der Grund einer Wahrheitsempfindung nicht auf einer äußeren, sondern auf einer inneren Übereinstimmung beruht. Niemand kann etwas für wahr halten von dem er nichts weiß oder zu wissen glaubt oder was sich ihm nicht aufgrund seines Wissens als logische Folgerung ergibt. Das kognitive System der beiden Hirnhälften ist für uns die Waage der Welt, wie sie durch die Göttin Justitia mit den zwei Waagschalen und den verbundenen Augen als Gleichnis der Wahrheitsfindung dargestellt wird, die ihre Urteile innerlich, also rein geistig erwägt.

Göttin Justitia  (gebeamt)

Die Gegenposition
Manchen von Ihnen mag dass hier zur Beobachterrolle Vorgetragene wie eine müßige Betrachtung erscheinen, die Physiker nicht zu interessieren braucht. Sie übersehen dabei, dass es gerade heute in der Weltraumforschung um die Bestätigung der subversiv leider nicht thematisierten Gegenposition dazu geht, nämlich die, dass es eine solche Rolle des Menschen nicht gibt. So wären Raum und Zeit nicht mentale Ordnungsmuster die Sinneseindrücke nach den Kriterien des Neben-, Über-, Hinter- und Nacheinanders ordnen, die wir Dimensionen nennen - Unterscheidungen zu denen das Hirn von sich aus fähig ist - sondern quasimaterielle Dingen, die beim Urknall "entstanden" und später irgendwie in das Gehirn hineindiffundiert wären. Die mühsam gesuchten Gravitationswellen z.B. wären dann der "Beweis", dass es die von Einstein dazu erdachte Sache Raumzeit tatsächlich gibt. Aber die Raumzeit ist m.E. nur ein 4-dimensionales Rechenmodell und keine reale Sache! Wo zwischen Beobachter und Beobachtetes nicht unterschieden wird, gibt es immer wieder solche Fehleinschätzungen. Und wo keine Differenz zwischen Subjekt und Objekt gesehen wird, wird zwangsläufig alles subjektiv und man wundert sich dann mit Einstein zu Unrecht, warum einen alles so verständlich erscheint.

Physik und Ketzerei
Die hier angedeutete Problematik ist jedoch überhaupt nicht neu, sondern es gibt sie seit dem Aufgang der Physik als Wissenschaft, die eigentlich besser sein wollte als Mythos und Glaube. Descartes (1596 - 1650), der Begründer des Rationalismus, wurde von der Kirche in Stockholm vergiftet, u.a. weil er die Eigenbestimmtheit der Dinge "Das Erste Naturgesetz" nannte. Dieses Schicksal blieb Newton (1643 - 1727) erspart, obwohl ihn sein Konkurrent Leibniz (1646 - 1716) am englischen Hof (und der englische König ist das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche) der Ketzerei bezichtigte, weil für Newton Körper ihre Trägheit "von sich aus" haben (Principia, Definition III) und von sich aus einbringen, was eine demokratisch verfasste Physik der Freiheit ist, wie Leibniz klar erkannt hatte. In der Übersetzung von Dr. Volkmar Schüller vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, lautet Newtons "Gesetz I": "Jeder Körper verharrt in seinem Zustand des Ruhens oder des Sich-geradlinig-gleichförmig Bewegens, außer insoweit wie jener von eingeprägten Kräften gezwungen wird, seinen Zustand zu ändern." Kraft ist also das einen Zustand Ändernde. Die Formulierung "von sich aus" wie sie in den Definitionen steht, kommt in dem Gesetz I nicht mehr vor, was aber durch den 2. Satzteil mit den von außen kommenden "eingeprägten Kräften", die Bedingung jeder Veränderung sind, gleichsinnig ausgedrückt wird. Ich vermute, dass es sich bei GESETZ I in seiner Kürze um eine gewollte Verschlüsselung handelt, musste Newton sich doch vor den Nachstellungen der Religiösen schützen. Auch die Quasi-Religiösen unter den heutigen Physikern, die Deterministen, die mit Eifer immer etwas hinter den Dingen suchen wie beispielsweise verborgene Parameter oder das Higgsfeld, weil versäumt wurde, den Teilchen Masse zuzuordnen, mögen Newton und seine freiheitlichen Axiome nicht und verleugnen oder missdeuten sie, wo sie nur können, wie ich es auf Tagungen der DPG selbst erlebt habe. In einer demokratisch verfassten Gesellschaft sind solche aus der Kaiserzeit stammenden totalitären Ansichten völlig anachronistisch! Physik sollte kein Religions- oder Politik-Ersatz sein. Eifer ist da immer verdächtig. Bleiben Sie kühl, sachlich, skeptisch und gelassen, eben Wissenschaftler. Und…

lassen Sie sich vom Hirn nicht täuschen
Es stellt sich nämlich die Frage, warum die Freiheit des Geistes so schwierig zu erreichen ist. Meine Antwort lautet: weil das Hirn sie nicht will. Es hat als sehr altes Organ kein Vertrauen in seinen jeweiligen Besitzer und deshalb die Neigung, sich zu verstecken. Wer eine Eigenständigkeit des Geistigen bestreitet, also was man die Beobachterrolle nennt, folgt darin nur der Taktik des Gehirns, sich möglichst unsichtbar zu machen, ist also hereingefallen. Oder wie es Jürgen Krüger, Physiker und Hirnforscher in Freiburg, formulierte "Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen. Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit, mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß." Und warum tut es das? Um auf Grund des mehr oder weniger zufälligen Wissens einer Person sich jeweils ergebende Plausibilitäten schnell als objektive Wahrheiten verkaufen zu können, weil das im praktischen Leben der Fitness dient. Wenn Sie als Physiker aber ein sachlich zutreffendes bleibendes Wissen suchen, müssen Sie sich schon mehr Mühe geben. Benutzen sie ihr Gehirn, verstehen sie es. Das beginnt damit, dass Sie abgeklärte Begriffe verwenden und nicht daher schwätzen, wie Sie es im Alltag gewohnt sind. Sonne, Mond und Sterne verhalten sich beispielsweise mangels Bewegungsorganen eben nicht wie Kühe auf der Weide oder wie Opa auf dem Sofa, mal ruhend, mal sich bewegend. Als leblose Objekte verharren sie schlicht in ihrem Zustand, wie es schon Newton formulierte, ganz gleich wie wir den Zustand metaphorisch beschreiben. Wie wir an seinem Axiom I erkennen, machte es für Newton keinen Unterschied, ob wir Körper "ruhen oder sich-geradlinig-gleichförmig bewegen" sehen, ein unbedeutender Unterschied also, der jedoch in der Relativitätstheorie entscheidend ist, obwohl er nur "vom Standpunkt des Beobachters abhängt", wie es bei Newton an anderer Stelle ebenfalls heißt, weshalb er die subjektive Größe v mit seiner Mathematik gleich eliminierte, wie jedermann nachprüfen kann. Auch die Lorentz-Transformationen rechnen das angeblich so wichtige v letztlich weg, weshalb es da und dort brauchbare Ergebnisse geben kann. Physikalisch entscheidend ist eben immer nur die Geschwindigkeitsdifferenz als Zeichen einer objektiv einwirkenden Kraft - was gibt es an diesem einfachen Sachverhalt nicht zu verstehen, der eine Selbstverständlichkeit ist, weshalb Newtons Gesetze ja auch Axiome heißen. Die Dinge selbst sind strohdumm. Sie wissen nichts, absolut nichts, auch nichts von Richtungen, Relationen und Geschwindigkeiten und können sich daher auch nicht nach ihnen verhalten, denn es handelt sich dabei ja um die Ergebnisse von Verknüpfungen, die nur rein geistig im Kopf des verknüpfenden Beobachters existieren. Versuchen Sie vorurteilslos sich in die Eigenart der Dinge hinein zu versetzen, verhalten Sie sich nicht autistisch, haben Sie Sachverstand, unterscheiden Sie zwischen Schein und Sein, damit Sie überhaupt wissen, über was Sie reden. Der Schein ist immer das, was das Hirn zu seinem Verständnis generiert und nicht die Sache selber ist.

Wie kann es weitergehen?
Wie es eine zur Neurophilosophie gehörende Neurotheologie gibt, so könnte es auch als Teil der Propädeutik für Physiker eine Neurophysik geben, die sich speziell mit der Herkunft und Bedeutung der in der Physik verwendeten Begriffe befasst, z.B. mit dem Zeitbegriff, der nicht erst durch Physiker selbst geklärt werden sollte. Was sind Relationen? Was heißt messen? Müsste nicht jeder Theorie die Klärung solch grundlegender Begriffe vorausgehen, damit man überhaupt weiß, worüber man theoretisiert und redet? Wenn Sie die neuronalen Bedingungen Ihres Wissens beachten, wissen Sie immer, warum Sie etwas wissen und wie zuverlässig es ist. Ihr Gehirn wird sich zuerst dagegen sträuben (vielleicht gerade in diesem Moment), denn es will sich nicht in die Karten sehen lassen. Doch wenn es merkt, dass Sie durch die Neurophilosophie Erkenntnisfortschritte machen, wird es mit Ihnen bereitwillig zusammenarbeiten, denn es will ja verstehen. Und Sie sollten es auch wollen - wenigstens für sich im stillen Kämmerlein - und nicht durch das Studium nur immer besser "mitschwätze könne". Wissen und Verstehen sind durchaus zweierlei Dinge. Irgendwann, spätestens wenn Sie in die Forschung oder Anwendung gehen, wird nämlich nicht Konformität sondern echtes Verstehen und Wissen gefragt sein. Bemühen Sie sich!
      Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Schlussansicht  (gebeamt)

Autor und Vortrag:
Helmut Hille, Heilbronn
FV DD, Mitglied der AG Phil


Verzeichnis meiner Texte zur Neurophilosophie

Anmerkung: Wie der Titel zeigt, war dieser Vortrag ursprünglich für die AG Phil (Arbeitsgruppe Philosophie der Physik) gedacht. Bei ihr darf jedoch jeder nur ein Referat halten. Weil 2019 dort die Philosophie des Kosmos das Generalthema ist, habe ich nach Bekanntgabe des Kosmosthemas meinen Beitrag zum Thema nachgereicht und schließlich mein ursprüngliches Referat zurückgezogen. Ich hatte jedoch "Neurophilosophie und Physik" vorsorglich auch beim FV MP angemeldet, wo er angenommen wurde.


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Dokument: http://www.helmut-hille-philosophie.de/anhang11-MP.html