Geistige Grenzen überwinden
    - gerade in der Ethik


Eine wichtige Aufgabe der Philosophie ist es,
geistige Grenzen aufzudecken
    und sie zu überwinden.

Wie wir am Beispiel der Kosmologie gesehen haben, [Text 2]
ergeben sich die großen Probleme dadurch,
dass der geistige Horizont zu eng ist.
Wird er der Sache angemessen erweitert,
verschwinden die Probleme
und müssen nicht mehr "gelöst" werden.
(Wer ein Problem "löst", hat das Problem, die "Lösung" -
und deren Probleme usw. usw.)

    In der Ethik geht es um Fragen des Zusammenlebens.
    Sie sind essenzielle Fragen.
    Sie betreffen die Zukunft des Menschen.
    Wir können sie nicht ernst genug nehmen.

Je größer eine menschliche Gemeinschaft ist,
umso wichtiger werden ethische Regeln,
soll nicht einfach das Gesetz des Stärkeren gelten.
Doch selbst Regeln, die nur die globale Menschheit zum Gegenstand haben,
sind heute nicht mehr ausreichend,
denn sie grenzen die Natur aus, von der sie lebt.

Zur Begründung einer kommenden Ethik
bedarf es keiner außerweltlichen Autorität.
Auf Worte einer solchen zu warten,
und sich bis dahin fatalistisch zu verhalten,
heißt sich zu entmündigen und sich der Verantwortung zu entziehen,
in die wir Menschen durch unsere Mächtigkeit und Zahl gestellt sind.

Der Mensch hat nicht deshalb schon Würde,
weil er als Mensch geboren wird.
Seine spezifische Würde,
die ihn aus dem Tierreich heraushebt,
gewinnt er allein dadurch,
dass er seine egozentrische Bewertung der Welt ablegt,
ihren Eigenwert wahrnimmt und anerkennt -
    und danach handelt!

Hierzu kann er den Weg der Vernunft gehen:
Der Blick auf das Ganze des Daseins sagt ihm,
was er zu tun und was er zu unterlassen hat.
Er kann aber auch den Weg des Herzens gehen:
seine uneigennützige Liebe des Ganzen gebietet ihm dann,
das Interesse des Ganzen über sein eigenes zu stellen.

Sicherer ist der Weg des Herzens.
Die vom Egoismus angetriebene Ratio des Menschen wird immer Gründe finden,
die Instrumentalisierung alles Seienden zu entschuldigen.
Denn die Menschen sind schlau, manchmal klug - aber selten weise.
Ich denke:
Alles Wissen, alles kluge Denken, alle hohe Moral, alle ausgefeilte Ethik werden nicht ausreichen,
die Schöpfung und damit unser Geschlecht zu erhalten,
wenn es den Menschen an bedingungsloser Liebe zu ihr gebricht.

Ethisches Leben ist Leben aus dem Zusammenhang des Ganzen des Seins
    und auf es hin.
So ergibt sich das Sollen aus dem Sein -
eine ganzheitliche Verantwortugsethik.
Sein zu erhalten sei das oberste Gebot.
Nur so erhält der Mensch auch sich selbst,
denn er ist ja ein Teil des Ganzen!
Und es wäre Dummheit, dies zu verkennen.

Statt immer nur zu fragen:
Was kann die Erde noch für uns tun?
wird es Not-wendiger denn je,
dass ALLE sich fragen:
    WAS KANN DER MENSCH FÜR DIE ERDE TUN?

Da ich es nicht besser sagen kann, hier der Schluss meiner "holistischen Ethik" in WEGE DES DENKENS (Datei III/9), auf die ich auch sonst verweise:
    Für die irdische Schöpfung ist ein von Menschen ausgeübter Schutz der Mitwelt schon längst zur Schicksalsfrage geworden, weshalb wir uns nicht auf fromme Sprüche aus fernen Zeiten verlassen können, sondern hier und heute unser Herz und unsere Vernunft sprechen lassen müssen, um zu einer aufgeklärten Selbststeuerung zu kommen, die ALLEN ein ihnen angemessenes Überleben sichert.
    Ethos und Würde des Menschen erweisen sich vor allem am Umgang mit jenen, die seines Schutzes bedürfen. Nach der holistischen Ethik ist es eben "Sünde", d.h. Absonderung, sich nicht als Teil des Ganzen zu sehen und seine Verantwortung für es zu übernehmen. Ich denke, das ist es, was uns Laotse mit dem Begriff des TAO lehren wollte. Und wer unbekümmert fortgesetzt "sündigt", d.h. das TAO nicht beachtet, wird letztlich aus dem Ganzen herausfallen und verdorren.
    DAHER ERGIBT SICH DAS SOLLEN AUS DEM (EINGEBUNDEN-)SEIN.


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