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Die Lehre
von der Allgewalt der Schwere

Szene Faust/Newton


Nacht. In einem engen gotischen Zimmer

Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte

    Faust:
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum habe ich mich der Magie ergeben,
ob mir durch Geistes Kraft und Mund
nicht manch Geheimnis würde kund;
daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
zu sagen brauch' was ich nicht weiß;
daß ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält.

Blitz und Donner Geist Newtons erscheint

    Newton:
Du hast mich mächtig angezogen,
an meiner Sphäre lang gesogen.
Mich dauert deiner Seele Pein,
wie Welt mag wohl im Innern sein.
So, teurer Freund, hör' meine Lehre
hier von der Allgewalt der Schwere.
Wie jedes Teilchen, Teil von allen,
will diese Teilschaft nicht gefallen.
Kann es die Fliehkraft überwinden,
tut Teilchen sich zu Teilchen finden.
So sucht ein jedes seinesgleichen,
will ihm nicht von der Seite weichen.
Je mehr es sind, so mehr die Schwere,
bis rundherum gibt's nur noch Leere.
Und die sich fanden, nah' und ferne,
siehst du als Sonne, Mond und Sterne.

    Faust:
Nur, Newton, sag' wie soll dies gehen,
man kann doch überhaupt nicht sehen,
wie Teilchen zueinander finden
und dann sich aneinander binden.

    Newton:
Des Wirkens Wie lass' außen vor,
der Hausverstand ist da ein Tor.
Entscheidend ist nur allemal
die Teilchenkraft und Teilchenzahl;
wie Schwerkraft sich im Raum verteilt -
nur das bestimmt, wie schnell man eilt,
wie stark am Ende dann der Reise
die Kraft der Schwere sich erweise.
Warum sich alles so verhält,
lehrt die Idee der einen Welt.
Das ist es, was wir wissen können,
die Einsicht will ich Weisheit nennen.

    Faust:
So hast du Wissen mich gelehrt
und Weisheit, die da zugehört.
Soll Menschen Wissenschaft gelingen
muss eines man zum andren bringen.
O tönet fort ihr süßen Himmelslieder!
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!
(Geist Newtons entschwebt, Vorhang fällt)

    Lustige Person:
Also gab Newton Faust die Ehre,
und das trotz Goethes Farbenlehre.
Doch wirkte es sich aus wie Rache,
denn Faust blieb Ostern unterm Dache.
Nun musste Goethe wirklich dichten,
gab es doch nichts mehr zu berichten.

Verse von und nach J.W.v. Goethe - Federzeichnungen von Franz Stassen


2011 auf der DPG-Tagung in Karlsruhe im Rahmen meines Themas "Physik in Literaturform" vorgetragen
ferner 2014 auf der DPG-Tagung in Berlin im Rahmen meines Themas "Physik in Literaturform (2)" projiziert und vorgetragen
zum Original (Z+S)