Europäischer Unitariertag in Ulm/Neu-Ulm Pfingsten 2017
Workshop, Sonntag, den 5. Juni 2017 14 Uhr, Leitung Helmut Hille


Warnung vor falschen Propheten im Namen der Wissenschaft


Kurztext

Die Vertreter eines platten Materialismus aus dem 19. Jahrhundert haben sich in die Wissenschaft zurückgezogen und benutzen deren Prestige, um ihre geistfeindlichen Ideen zu verbreiten. Das geschieht subversiv, indem sie ihr Anliegen nicht thematisieren, sondern so tun, als wäre ihre Sicht selbstverständlich und "hoch wissenschaftlich". Es ist sicher richtig, den Vereinahmungsversuchen der Kirchen Widerstand entgegen zu setzen. Aber mit dem "Heiligen Geist" den menschlichen Geist als eigenständige Wirklichkeit überhaupt zu leugnen, wie dies Autisten tun, denen es an Selbstwahrnehmung mangelt, ist ein Angriff auf unser Menschsein, den wir nicht hinnehmen dürfen. In der Physik gibt es Vertreter, die z.B. das Bewusstsein quantenphysikalisch "erklären" wollen, in der Hirnforschung Leute, die mit Hilfe der Neurotheologie Geist und Glaube als psychiatrische Störungen ansehen, die medizinisch behandelbar sind. Ein solches Beispiel der Indoktrination habe ich Ende Oktober 2016 bei den Humanisten Baden-Württembergs erlebt, die Antiklerikalen Gelegenheit zur Werbung gaben, deren Argumentation ich dem Geschäftsführer des Vereins, der selbst nicht zugegen war, in einer Mail geschildert habe. - Wenn noch Zeit ist, würde ich gern ein Beispiel für Neurotheologie vortragen, wie ich sie als Teil der Neurophilosophie verstehe, Thema: "Engel - Boten des Unbewussten".


Vortrag

Zur Einführung habe ich zu folgenden Punkten improvisiert:
Die Giordano-Bruno-Stiftung
Zur Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), um deren Veranstaltung in Stuttgart es hier geht, muss ich einige Anmerkungen vorausschicken.
1. In Wikipedia heißt es: die Stiftung "fühlt sich dem "evolutionären Humanismus" verpflichtet" also einem Humanismus, der aus der Biologie und nicht aus den Geisteswissenschaften kommt, was ein Widerspruch in sich ist. Damit ist ihre Geistfeindschaft schon vorgezeichnet. Das geht so weit, dass Religiöses als neuronale Krankheit angesehen wird, die in psychiatrischen Praxen behandelt werden kann.
2. Sie hat im Beirat durchaus viele ehrenhafte Mitglieder. Ich vermisse in der aktuellen Liste der Beiräte jedoch z.B. Prof. Norbert Hoerster, der mir persönlich bekannt ist. Wikipedia meldet dazu: "Ende 2011 trat der Philosoph Norbert Hoerster aus dem Beirat der Stiftung aus. Hoerster erklärte in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er lehne die von ihrem Sprecher Schmidt-Salomon vertretenen Inhalte, die Kampagnen und den Argumentationsstil ab. Wenig überzeugend finde er zudem den "Neuen Atheismus" des Biologen Richard Dawkings, den auch die Stiftung vertrete." Dazu wirft der FAZ-Journalist Thomas Thiel der Stiftung vor, sie vertrete einen "platten Naturalismus" oder "Szientismus". Sie glaubt, "dass nichts in den Geisteswissenschaften Sinn ergebe außer im Licht der Biologie." (Ulrich Kutschera, Biologe und Mitglied des Beirats der gbs). Wie selbstblind man ist: Jede Form von Wissenschaft gibt Zeugnis eines geistigen Bedürfnisses, das mit der Biologie allein nicht begründet werden kann! Und erst recht nicht jede Form von Philosophie als das Ringen um die Freiheit des Geistes!
3. Besonders auffallend ist ihr Antiklerikalismus, der durchaus fanatischen Züge hat. Kein Wunder, denn "Von Beginn war die nach Giordano Bruno benannte Stiftung insbesondere dem Werk des Religions- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner verpflichtet." Herrn Henschel von den Humanisten BW habe ich da schon einige Male persönlich gewarnt.
4. An Stelle eines religiösen Glaubens ist bei ihr der Glaube an die Wissenschaft, der Scientismus, getreten. (So quasi: es ist unmöglich, dass sich ein Wissenschaftler irren kann.) Aber Wissenschaftler sind auch nur Menschen mit ihren Grenzen und Vorurteilen. Und über allen Tun und Sprechen schwebt der Zeitgeist verbunden mit der Erwartung der Mitmenschen. Der Sprecher der gbs, Dr. Michael Schmidt-Salomon, hält sich trotz Geistesfeindschaft für einen Philosophen, doch fehlt ihm die Fähigkeit der Analyse, z.B. was Menschen mit "Gott" meinen.

Meine E-Mail:
Herrn Andreas Henschel
Die Humanisten Baden-Württemberg

Betreff: Vortrag von Frau Dr. Maja Strasser zu "Gottidee und Gehirn" am 28.10.2016 19 Uhr
eine Veranstaltung der Giordano-Bruno-Stiftung

Lieber Herr Henschel,

einst war Ihr Verein eine freireligiöse Gemeinde in der richtigen Erkenntnis, dass der geistige Mensch das Bedürfnis hat, die Welt zu verstehen und seinen Platz in ihr zu finden, wobei Dogmen nicht hilfreich sind. Dieses Verlangen hat auch schon Kant bewegt als er in der "Kritik der praktischen Vernunft" schrieb: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. ... (und wie) ich mich mit allen jenen sichtbaren Welten nicht wie dort in bloß zufälliger, sondern (in) allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne."

Dann wechselte der Verein zu den Humanisten, wo die Losung verbreitet ist, dass der Mensch keinen freien Willen hätte (Wolf Singer). Nun beruht aber gerade die Würde des Menschen auf dem freien Willen und der damit verbundenen Verantwortung für sein Denken, Sprechen und Tun. Dazu Giovanni Pico del la Mirandola, ital. Humanist und Philosoph (1463 - 1494), der als Erster die Würde des Menschen in seiner Rede "De dignitate hominis" in das abendländische Bewusstsein brachte: "Der Mensch ist das einzige Wesen, das nicht nach einem Typus (Urbild) erschaffen ist, weshalb er die Freiheit besitzt, sich selbst zu vollenden."

War also schon dieser Wechsel zu jenen, die heute diese Freiheit leugnen bedenklich, so sehe ich den Schwenk zu den antiklerikalen Atheisten, die alle geistigen Bedürfnisse leugnen und religiöse Neigungen als Gehirnstörungen betrachten, die in neurologischen Praxen medizinisch behandelt werden können, leider als einen völligen Absturz der ursprünglichen Intention der Freireligiösen an. Leider hat sich in der Diskussion keiner von denen zu Wort gemeldet, auch Herr Lauer blieb stumm. Ich hatte zuvor ausgeführt, dass das Gehirn ein rationales Organ ist, das verstehen will, weshalb Kinder immer wieder "Warum?" fragen. Zudem bleibt die Welt in ihrem Dasein rational unverständlich, wenn es kein ewig Exstierendes und Schöpferisches gibt, weil die Entstehung aus dem Nichts und durch nichts nur geglaubt werden kann. Das ist der Glaube! Nicht Gott! Dieses ewig Exstierende und Schöpferische wird als "Gott" bezeichnet, der natürlich keine außerhalb der Welt existierende Person sondern die den Dingen immanente Kraft und Fähigkeit ist, wie wir sie in der Natur erleben. Erläuterungen hierzu können Sie auf meinen Internetseiten lesen.

Man war also nicht um rationale Aufklärung - und wenn die zu wenig gelingen will - um Bescheidenheit bemüht. Die Ausführungen von Frau Strasser habe ich da eher als Hybris empfunden, auch wenn sie am Ende etwas zurückgerudert hat, indem sie sich als "Agnostikerin" bezeichnete. Da Sie selbst am Abend nicht anwesend waren, wollte ich Ihnen das mitteilen.

Zum Schluss berief sich Frau Dr. in der Kosmologie noch auf Stephen Hawking. Hierzu kann ich Ihnen einen Kommentar von Helmut Hornung, Chefredakteur der Hauszeitschrift der Max-Planck-Gesellschaft zu einem Buch Hawkings beilegen: Anmerkungen zu Stephen Hawkings 2010 erschienenes Buch DER GROSSE ENTWURF. (für Herrn Henschel abgedruckt, Fundstelle s. hier)
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Helmut Hille

Anmerkung für den Leser: Frau Dr. Maja-Strasser ist eine Japanerin aus Solothurn in der Schweiz. Sie ist Fachärztin für Neurologie und Oberärztin im Rehazentrum Leukerbad und veröffentlich auch auf der Webseite der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, wo sie u.a. schreibt: "Ich möchte nun übergehen zum Glauben als Funktion des gesunden Gehirns als Zweckentfremdung evolutionär entstandener Hirnleistungen." Ich denke jedoch, dass Ergebnisse der Hirnforschung von ihr ohne tieferes Verständnis nur für ihre geistfeindliche Argumentation missbraucht werden. Sie folgt darin nur der Taktik des Gehirns, sich nicht in die Karten sehen zu lassen, um Plausibilitäten ungestört als "Wahrheiten" verkaufen zu können. Oder wie es Jürgen Krüger sagt: "Da lacht sich das Gehirn ins Fäustchen. Es ist dasjenige Organ, das die Erforschung seiner eigenen Leistungsfähigkeit, mittels eben dieser Leistungsfähigkeit bestmöglich zu verhindern weiß." Also hereingefallen!


Diskussion  (wird ggf. noch ergänzt)

Die Diskussion lief letztlich auf die Frage nach der Willensfreiheit hinaus, die von der Stiftung verneint wird. Das Dilemma der Menschen ist nun, wie es sich auch zeigte, dass sie in vielen Zwängen stehen und da nur die Freiheit haben, ihnen nachzugeben oder es sein zu lassen, mit allen Konsequenzen. Ich habe dazu das Argument des Perikles (athen. Staatsmann, um 500 - 429) eingebracht, dass das Geheimnis der Freiheit der Mut ist. Fehlt dieser, bleibt man der Sklave der Verhältnisse.

Am Ende der Diskussion habe ich als Beispiel für Neurotheologie, wie ich sie als Neurophilosoph verstehe, noch meine philosophische Sentenz "Engel - Boten des Unbewussten" vorgetragen. Fundstelle s. hier


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