Meine Kolumne "Philosophische Sentenz des Monats" auf der kommerziellen Website "Geschenke aus den Museen der Welt".
Philosophische Sentenzen von 2020


Helmut Hille
Seien wir weise
15.02.2020?
Herrschaftswissen in der Krise
Unser alltägliches und wissenschaftliches Wissen ist Herrschaftswissen, um mit der Welt in gewünschter Weise zum eigenen Nutzen umgehen zu können. Das Sosein der Dinge und ihr Eigenwert interessieren dabei nicht, denn dazu müssten wir uns ihnen selbstlos in Liebe nähern. Auch die Religion dient zumeist nur dem eigenen Seelenheil und der Rechtfertigung unseres Denkens und Handelns, so wenn wir uns von Gott sagen lassen: "Macht euch die Erde untertan." Erst wenn wir versuchen, uns in das Gegenüber selbstlos hineinzuversetzen, können wir uns seinem Sosein nähern. Daher sind es immer nur Einzelne, die den Eigenwert von Wesen und Dingen sehen und um ihren zweckfreien Erhalt kämpfen. Der Masse und die sie vertretenden Politiker geht es dagegen nur um den kurzfristigen Nutzen an ihnen.

Erst neuerdings im Angesicht der Übervölkerung und der sich abzeichnenden Klimakrise beginnt ein Umdenken in größeren Rahmen. Heute hat ein Unternehmen, das ja langfristiger denken muss als Politiker, keine Zukunft mehr, wenn es nicht auf Nachhaltigkeit setzt, denn die Ressourcen werden durch die Masse der Menschen und den technischen Fortschritt immer schneller verbraucht. Immer mehr Menschen möchten von den Segnungen der modernen Technik profitieren, möchten Autofahren, Fliegen, Räume heizen, beleuchten, klimatisieren usw., was unweigerlich die Energievorräte und die Umwelt mehr und mehr überfordert, wenn wir uns nicht in Zahl und Ansprüchen begrenzen und nach intelligenteren Lösungen suchen. Das mag zwar auf eine Weise auch egoistisch sein, doch es wäre ein Egoismus, der die ganze Wirklichkeit einbezieht. Denn nur so bleibt sie uns als Lebensgrundlage erhalten.

Die Aufklärung der Beobachterrolle ist unumgänglich notwendig, wollen wir nicht nur Herr über die Dinge, sondern auch Herr im eigenen Hause werden und in der Wissenschaft zu objektiveren Aussagen kommen. Sonst laufen wir weiterhin blindlings nur den vom Gehirn erzeugten Illusionen hinterher. Mit solcher Selbstbesinnung beginnt das, was für mich zur Weisheit des Menschen gehört, während der blinde, aneignende Gebrauch von Fähigkeiten räuberischer Natur ist, die es um unserer Zukunft willen mehr und mehr zu bedenken gilt.

Die Liebe zur Weisheit
Um den Nutzen von Dingen kümmert sich jedes Tier. Allein die Liebe zur Weisheit ist es, die den Menschen aus dem Tierreich heraushebt. Sie ist es, die seine Würde ausmacht. Nur in liebevoller Hinwendung an die Gegenstände der Forschung kann sich erschließen, was sie für sich selber sind. Es gilt daher als Erstes sich zu entscheiden, was man eigentlich will: will man die Welt selbstlos verstehen oder will man nur ein Herrschaftswissen gewinnen, um die Dinge instrumentalisieren zu können, selbst unter falschen Prämissen. Die jeweilige, vielleicht unbewusste Entscheidung gehört zu dem, was man die Rolle des Beobachters nennt. Aufklärung heute ist die Aufklärung der Beobachterrolle. Ohne ihre Kenntnis und Berücksichtigung bleibt alles Wissen vorläufig und alles Handeln fraglich. Seien wir weise!

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS
III. Biologie, Evolution und Ethik
(11) Der Weg zum Humanum durch die Liebe zur Weisheit
http://www.helmut-hille.de/page28.html


Gruß an die ehemaligen Europa-Abgeordneten
(nur hier)
Oh, to be in England
Now that April's there,
And whoever wakes in England
Sees, some morning, unaware,
That the lowest boughs and the brushwood sheaf
Round the elm-tree bole are in tiny leaf,
While the chaffinch sings on the orchard bough
In England - now!!
(ein mir unvergessenes Gedicht aus meiner Schulzeit)

Helmut Hille
Die unsichtbare Dynamik
15.03.2020?
Bei einem Treffen von Einsteinkritikern vor Jahren in München meinte ausgerechnet ein studierter Physiker, ein Herr Doktor, beweisen zu müssen, dass bei Spannungen keine Kräfte beteiligt sind, indem er eine Schnur über seinen Kopf hielt, die er mit beiden Händen strafte. "Wo sehen sie jetzt eine Kraft?" Es geschah ja nichts. Er gehörte wohl zu jenen kritisch sein wollenden Physikern, die wie Ernst Mach sich auf den Augenschein verlassen wollen, der oft trügerisch ist. Die anwesenden Laien mochten seiner Argumentation jedoch nicht zu folgen, da ja offensichtlich Kräfte benötigt wurden, um die Schnur zu spannen. Und wenn eine gespannten Schnur in ihrem Zustand und ihrer Lage unverändert bleibt, dann doch wohl, weil ein Gleichgewicht der ziehenden Kräfte vorliegt, wie das jeder Laie erkennen konnte. "Moderne" Physiker wollen aber von der Größe "Kraft" möglich nichts wissen, halten sie, wie andere Größen auch, oft für eine Sache, weshalb Einstein für sie die Dynamik Newtons, also die Lehre von den Kräften, zur bloß beschreibenden Kinematik zurückentwickelte - bei Beibehaltung des nun nicht mehr zutreffenden Vokabulars, was bis heute für Verwirrung sorgt.

Auch um Physik zu verstehen bedarf es zuerst der Beantwortung ganz grundsätzlicher Fragen, sowie Mut und Ehrlichkeit, ohne die Wissenschaft keinen Sinn macht. Heute sind theoretische Wissenschaftler jedoch eher bemüht, dem Mainstream zu folgen, um nicht unangenehm aufzufallen und ihre privilegierte Stellung in der Gesellschaft nicht zu gefährden. Auch die Himmelsmechanik ist voller Kräfte. Trotzdem umrunden die Planeten seit Milliarden von Jahren auf immer gleichen Bahnen die Sonne, sieht der Sternenhimmel seit Menschengedenken immer gleich aus, von den Planeten und Monden abgehen, deren Bahnen jedoch gut berechenbar sind. Das liegt daran, dass weltweit Flieh- und Schwerkraft im Gleichgewicht sind - beide zugleich beim "Urknall" entstanden. Es gab zwar immer wieder Astronomen und Physiker, die das Kräftespiel durchschauten, denen es aber von der Kirche und Kollegen nicht leicht gemacht wurde und wird. Und die Natur der Schwerkraft ist den meisten sowieso immer noch ein Rätsel, obgleich sie das nicht mehr sein muss.

Überhaupt ist das Prinzip des Gleichgewichts der Kräfte in der Natur ganz allgemein, vom Atom bis zum Gleichgewicht von tierischen Räubern und ihrer Beute. Aber auch die Gesundheit eines Lebewesens bezeichnet das Gleichgewicht seiner de- und konstruktiven Kräfte, das ihn in einem optimalen Zustand hält. Die Kräfte der Natur sind blind und können sich daher nicht selber regeln, weshalb sie der Gegenkräfte bedürfen. Es gibt zudem in der Evolution kein endgültiges Produkt und keinen Stillstand. Man muss in ihr so schnell wie möglich laufen, um auch nur auf der Stelle zu bleiben, wie es bei Alice im Wunderland heißt. In der Wirtschaft und Industrie weiß man das und stellt sich darauf ein. Dieser allgegenwärtige Wandel ist natürlich für Menschen, die Sicherheit und Gewissheit wünschen, sehr beunruhigend, weshalb sie diesen Wandel am liebsten bestreiten und dazu auch mal die Wissenschaft bemühen, weil sie glauben, dass Wissenschaftler die Deutungshoheit hätten. Dem ist aber nicht so. Auch für Wissenschaftler gilt: was Menschen als "wahr" empfinden ist letztendlich das Gleichgewicht zwischen dem, was als Wissen in der rechten Hirnhemisphäre kompakt gespeichert ist - wie zutreffend es auch sei - und dem, was die linke Hirnhemisphäre davon differenziert formuliert. Zudem werden Menschen, oft genug unbewusst, von ihren Urängsten gesteuert, die bedient sein wollen, um das Leben erträglich zu halten.

Statt verbissen auf Standpunkte zu beharren, die sich nicht bewährt haben, gilt es aufgeschlossen gegenüber Neuem zu sein und seinen geistigen Horizont zu erweitern. Hierzu Bertrand Russel: "Und er wird sehen, dass derjenige, in dessen Geiste sich die Welt spiegelt, in einem Sinne so groß wird wie die Welt selbst. Frei von den Ängsten, die den Sklaven der Verhältnisse befallen, wird er echte Freude kennen und durch alle Wechselfälle seines äußeren Lebens hindurch in den Tiefen seines Wesens von Glück erfüllt bleiben."

Zum Weiterlesen:
WEGE DES DENKENS
III. Biologie, Evolution und Ethik
(7) Die Waage der Welt
http://www.helmut-hille.de/page27.html


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